John Neumeier, der zu den bedeutendsten Choreografen unserer Zeit zählt, ist seit jeher von dem Künstler und Menschen Nijinsky inspiriert. Bereits 1979 kreierte er ein Kurzballett mit dem Titel Vaslav. Im Jahr 2000, das den 50. Todestag Nijinskys markiert, hat sich Neumeier ein weiteres Mal mit diesem außergewöhnlichen und geheimnisvollen Menschen in einem abendfüllenden Ballett, das mit dem Hamburg Ballett seine Uraufführung erlebte, auseinandergesetzt. »Wenn man ein Werk über eine historische Persönlichkeit schafft, auf welchen Aspekt sollen wir uns konzentrieren? Wer war er wirklich: der Mensch? Der Künstler?«, fragt der Choreograf.
Das Publikum erfährt in Neumeiers tänzerischem Porträt von einem Leben zwischen strahlendem Ruhm und abgründiger Verzweiflung: Nijinsky als gefeierter Star der Ballets Russes und zugleich als von Wahnsinn, Zweifel und Ängsten gezeichneter Mensch. »Eine Biografie der Seele«, die aus einem Konglomerat von Erinnerungen und Empfindungen, Assoziationen und diversen Realitäten entsteht. So durchlebt Nijinsky noch einmal die Höhepunkte seines Erfolgs. Die legendärsten Rollen wie der Harlekin, Geist der Rose oder Goldene Sklave erscheinen als Spiegelbilder und werden immer wieder von Momenten aus der Kindheit, mit Familienmitgliedern und aus seiner Karriere durchbrochen – von seinen revolutionären choreografischen Visionen wie L’Après-midi d’un Faune und Le Sacre du Printemps bis zur leidenschaftlichen Begegnung mit seiner Frau Romola und dem schmerzhaften Bruch mit den Ballets Russes. Doch der Glanz beginnt langsam dunkler zu werden … Vergangenheit und Gegenwart, Bühne und Krieg, Triumph und Verlust verschmelzen immer mehr zu einem inneren Strudel. In Nijinskys Wahrnehmung ist nicht er dem Wahnsinn verfallen, sondern die Welt.